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Die Sache mit dem schlechten Gewissen und dem Glauben nicht genug zu machen

12 Minuten Audio abgesendet, Schreibmaschine herangezogen. Mein Bedürfnis genau jetzt diesen Beitrag zu schreiben, ist stark, denn folgende Worte, die ich dir nun schreibe, habe ich gerade an meine kleine Schwester gerichtet, die mir von ihrer letzten Vorlesung erzählt hat, die alles andere, als motivierend ablief.

Völlig aufgelöst berichtete sie: „Sie meinte, dass wir so nicht bestehen werden. Bis zum Herbst müssen wir 5 Stunden täglich lernen, 7 Tage die Woche. Aber ich habe doch auch noch Uni nebenbei!“ Fast ein halbes Jahr ohne Lernpause? „Völliger Schwachsinn“, antwortete ich trocken. Ich merkte wie die Wut in mir aufkochte.

Lass dir kurz eins von mir sagen. Ich habe zwei Phasen extremen Lernens hinter mir. Als Jurastudentin bereitete ich mich 1,5 Jahre auf mein erstes und als Referendarin zwei Jahre (neben der Praxisausbildung) auf mein zweites juristisches Staatsexamen. Die Stoffmenge ist absurd groß, die Zeit unfassbar knapp. Es war ein harter Marathon, der mir aber viel gelehrt hat, nämlich abseits der juristischen Ausbildung. Die psychischen Herausforderungen waren groß. Aber auch physisch kommt man schnell an seine Grenzen. Es war eine Zeit, die mir viele Erkenntnisse beschert haben, für die ich heute sehr dankbar bin. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich diesen Blog, auf dem du gerade diese Worte vernimmst. Ich möchte, dass du von meiner Erfahrung in dieser harten Studienphase profitieren kannst, egal wo du gerade in deinem Leben stehst.

Eine Erkenntnis, die ich nur immer wieder betonen kann: Pausen sind essentiell! Pausen sind so viel wichtiger als du vielleicht erstmal denkst. Dabei ist es auch wichtig, dass du nicht dein Leben auf Pause stellst!

Menschen sind keine Maschinen. Aber selbst, wenn wir uns als Maschine vorstellen würden, braucht die Maschine Energie, um funktionieren zu können. Ein Auto wird getankt, ein Handy geladen. Auch du brauchst Energie, um durchhalten zu können. Da wir eben keine Maschinen sind, reicht Schlaf und Nahrung allein nicht aus. Wir brauchen Ruhe, Leidenschaft, Sozialkontakt und Verbindung. Wir brauchen ein Leben.

Natürlich kannst du in einer Stressphase nicht so weitermachen wie bisher. Das Staatsexamen schafft man nicht, wenn man sich nicht (fast) jeden Tag an den Schreibtisch setzt. Aber das heißt nicht, dass du dein Leben nicht mehr genießen darfst. Es geht nicht darum, diese Zeit so hart wie möglich zu gestalten. „Nur die Harten, kommen in den Garten“ ist eine Aussage, die du jetzt aktiv in deinem Geist in Flammen aufgehen lässt. Denn das stimmt nicht. Ich habe viele Recherchen zum Thema Produktivität, Selbstmitgefühl und Achtsamkeit hinter mir. Ich kann dir versichern, dass ein mitfühlender Umgang mit dir selbst für mehr Erfolg im Leben sorgt, als ein harter. Das wurde in Studien zum Thema Selbstmitgefühl herausgefunden. Es hört sich für dich wahrscheinlich falsch an. Aber du kannst darauf vertrauen. Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die uns etwas anderes gelehrt hat. Es ist auch okay, einen Widerstand zu verspüren. Mir geht es heute – nach jahrelanger Achtsamkeitspraxis – nach wie vor immer wieder so.

Aber zurück zum Thema Lernen ohne Pausen. Ich bleibe immer sachlich, aber hier muss ich es mal so direkt aussprechen: es ist Schwachsinn. Streich das gleich mal aus deinem Kopf. Ich habe, wie ich dir bereits erzählt habe, genug Erfahrung mit dem Lernen von Unmengen an Stoff, den man in kurzer Zeit, aber auch in einer sehr langen Lernphase, schaffen muss. Mehr machen, heißt nicht, dass man besser abschneiden wird! Oft sogar im Gegenteil. Ich habe immer wieder mit Personen gesprochen, die durch das Examen durchgefallen sind. „Diesmal mehr Pausen gönnen“, war so oft die Erkenntnis. Es klingt zwar erstmal so widersprüchlich. Aber dein Körper muss unfassbares leisten. Er benötigt Pausen! Die Sache mit der Psyche ist auch nicht zu unterschätzen. Deine Psyche muss gepflegt werden. Gib deinem Kopf die Möglichkeit durchzuatmen. Schlafstörungen und chronische Magenschmerzen sind nur zwei Ergebnisse einer dauerhaften 7-Tage-Lernwoche, die ich in meinem Freundeskreis mitbekommen habe. Du bist es wert, dass es dir gut geht! In jeder Phase deines Lebens! Bitte, kümmere dich um dich.

Am Besten hast du einen festen Tag in der Woche, der immer frei ist. Es ist auch okay, wenn der freie Tag variiert. Allerdings habe ich für mich selbst herausfinden dürfen, dass ein bestimmter fester Tag dafür sorgt, dass ich mich mental auf das Wochenendgefühl einstellen kann und besser abschalte. Außerdem habe ich gemerkt, dass es mich oft sehr belastet lernen zu müssen, wenn andere frei haben. Für mich war der Sonntag also der perfekte Tag für mein mentales Abschalten in der Woche.

Dein Körper braucht Ruhe, dein Körper braucht Entspannung. Das ist einfach so! Vor meiner Examensvorbereitung habe ich Bücher zum Thema lange Lernphasen gelesen. In allen stand an erster Stelle: Pausen. Kleine Pausen im Lernalltag, aber auch ein fester freier Tag (mindestens). Sogar eine Woche Urlaub nach ca. zwei Monaten wurde empfohlen. Es ist wie beim Sport. Wenn du Muskeln aufbauen möchtest, sind Ruhephasen enorm wichtig. Sonst wächst der Muskel nicht.

Der nächste Punkt: die Empfehlung von Dozenten den ganzen Tag XY zu lernen, wenn man nebenher noch andere Fächer hat.

Manchmal glaube ich, dass Dozenten in ihrer eigenen Realitätsblase leben. Als gäbe es nur ihr Fach und sonst nichts. Bei Aussagen wie „ihr müsst den ganzen Tag XY 7-Tage die Woche lernen, sonst schafft ihr die Prüfung nicht“ entsteht Panik unter den Studierenden. Schnell kommen Ängste hoch und ein großes „aber Wie?“ steigt in den Kopf. Ja, genau. Aber wie? Manches ist einfach nicht möglich! Du kannst dich nicht klonen. Hast du also noch andere Vorlesungen (die Wahrscheinlichkeit ist schließlich hoch, wenn man studiert), die du besuchen und nacharbeiten musst, bleibt dir einfach keine leere Woche, die du mit 24/7 lernen füllen kannst. Atme tief durch (Tipp: Bauchatmung). Gehe in die Akzeptanz. Du hast eine begrenzte Zahl an Stunden in der Woche Zeit für dein Fach. Das ist so, das lässt sich nicht ändern. Zähle die Stunden zusammen, die dir zur Verfügung stehen. Bitte lass deinen Pausentag unberücksichtigt. Diese Stunden sind schon verplant. Baue Puffer ein und strukturiere deinen Alltag nicht so, als wärst du eine gut geölte Maschine. Es gehört dazu, dass du man langsamer voran kommst, unterbrochen wirst, dich nicht konzentrieren kannst oder den Einkauf erledigen musst. Überlege dir wie viel du wirklich am Tag schaffen kannst. Für das gute Gewissen 6 Stunden am Schreibtisch zu sitzen, aber nur 3 Stunden wirklich Informationen aufnehmen zu können, bringt dir nichts. Die restlichen Stunden kannst du besser nutzen, um deine Batterien aufzuladen. Reflektiere dich hier. Akzeptiere auch deine Grenzen. Ich war nie die Kandidatin die 8 Stunden am Schreibtisch saß, obwohl vermeintlich jeder Jurastudierender das leisten konnte (ich glaube das übrigens nicht). Es gibt auch einen Unterschied zwischen Zusammenfassen und aktiv Karteikarten auswendig lernen. Dass dein Kopf bei letzterem schneller seine Grenze erreicht, ist nur klar. Also warum solltest du das gleichsetzen? Wenn du zusammenfasst, kannst du mehr Zeit am Schreibtisch verbringen, lernst du auswendig weniger. Klammere dich also nicht – wie Social Media das leider oft suggeriert – an eine bestimmte Stundenanzahl, die du gelernt hast. 2 Stunden sind nicht zwangsläufiger weniger als 6 Stunden. Es kommt darauf an, was du gemacht hast. Hier darfst du lernen deinem schlechten Gewissen ade zu sagen. Vielleicht hilft es dir die Stundenanzahl zu notieren und hinzuzufügen:

– 2 Stunden gelernt: zwar weniger Stunden gelernt, aber dafür mehr auswendig gelernt als gestern.

– 30 Minuten gelernt, obwohl ich wirklich sehr erschöpft heute war und körperlich total ausgelaugt

Leg den Fokus auf die Umstände. Du bist nicht jeden Tag gleich fit. Achte auch darauf, dass du dich nicht ärgerst, dass dein Körper schwächelt. Du kannst es nicht ändern, dass du heute schlecht geschlafen und Kopfschmerzen hast. Wieso also dich noch dafür peinigen? Rede liebevoll mir dir, sag dir: „Hey, ich bin halt keine Maschine. Es ist okay, dass ich heute nicht kann. Das gehört zum Leben.“ Du kannst es nicht ändern, du schürst nur deine Ängste, wenn du dir vorwirfst nicht perfekt zu funktionieren! Und ich weiß, dass das leicht gesagt ist. Es ist ein Training. Schritt für Schritt wird es besser. Glaube mir.

Es wird immer Tage geben, an denen gar nichts geht!

Gestalte einen Alltag, der dir gut tut. Ja, auch in Stressphasen darfst du glücklich sein! Du musst bzw. solltest dein Leben nicht für eine Prüfung auf Pause stellen. Natürlich musst du Kompromisse eingehen, wie ich bereits angedeutet habe, um dein Ziel zu erreichen. Aber, das Leben ist zu kurz, um auf dem Weg zum Ziel zu leiden. Ich meine damit nicht, dass du dich voller Euphorie an den Schreibtisch setzen musst. Das ist einfach nicht spaßig und toll, ich erzähle dir hier keine Märchen. Es ist eine harte Phase, aber du darfst ihr das Leid nehmen, indem du deine Freizeit so gestaltest, dass sie dir gut tut. Reflektiere dich hier. W

Kleine Anregungen von mir: Was brauchst du?

– Bist du introvertiert und brauchst viel Zeit für dich? Bist du extravertiert und brauchst täglich Sozialkontakt?

– welcher Sport macht dir wirklich Spaß, ist keine zu große Überwindung und lässt sich gut in deinen Alltag integrieren?

– welche Hobbies geben dir Freude?

– was erdet dich und lässt deine Probleme klein erscheinen? Integriere das öfter in deinen Alltag

– was zieht dich runter, schürt deine Ängst und macht dich antriebslos? (Beispielsweise billiges Dopamin)

Tipp für Introvertierte (aber auch alle anderen): Kommuniziere offen mit deinen Freunden, dass du nun mehr Zeit für dich brauchst. Betone, dass das nicht an ihnen liegt. Lass die Menschen gehen, die dich nicht unterstützen – das sind keine wahren Freunde. Exkurs zu mir: ich bin stark introvertiert, das bedeutet, dass ich wirklich viel Zeit alleine brauche und in Stressphasen gar nicht gerne ausgehe. Auch das Beantworten von WhatsApp-Nachrichten bereitet mir dann oft Stress. Viele meiner Freunde sind extravertiert und brauchen daher das Gegenteil. Dennoch gab es keinen einzigen Moment der Vorwürfe, dass ich mich nicht genug melden oder sie nicht oft genug treffen würde. Das ist für mich wahre Treue und Freundschaft.

Gamechanger: das regelmäßige Hören positiver Podcasts als Ritual. Für mich ist das eine Routine, die mir so viel hilft. Zum einen bekomme ich das Gefühl der Verbundenheit mit dem Podcaster. Zum anderen bekomme ich aktiv Input für positive Gedanken. Denn es ist einfach manchmal schwierig positiv zu bleiben, wenn man sich in einer schwierigen Phase befindet und seine negativen Glaubenssätze ständig zu bemerken. Für mich ist das Hören von positiven Podcasts ein Justieren meiner Waage von Gedanken und Emotionen. Nur du bist verantwortlich für diese! Durch das hören solcher Podcasts rufe ich aktiv positive Emotionen in mir hervor, die meine schwierigen Emotionen im Alltag wieder ausgleichen. Für mich persönlich war das ein Gamechanger. Probiere es gerne aus.

Thema schwierige Emotionen: oft führen unsere eigenen Gedanken dazu, dass wir uns schlecht fühlen. Reflektiere deine inneren Monologe. Ich werde hier jetzt nicht zu tief in das Thema eintauchen, weil das an dieser Stelle zu viel wäre. Allerdings möchte ich dir hier auch noch eine andere Anregung geben. Es ist auch mal okay, wenn alles doof ist! Es gibt so Tage und Phasen, in denen alles zu viel ist. Hab auch mal bewusst einen Scheißtag! Klingt jetzt absurd. Ich persönlich achte darauf mehr Glücksgefühle und realistischen Optimismus in meinen Alltag zu bringen. Aber manchmal brauche ich es einfach, alles so richtig doof zu finden. Wobei sich das tatsächlich nicht widerspricht. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung. Es gibt keine schlechten Gefühle, nur solche, die sich unangenehm anfühlen. Der natürliche Umgang mit Gefühlen heißt, sie zu bemerkten, sie zuzulassen, nicht zu bewerten und natürlich abfließen zu lassen. Wir fühlen Emotionen auf natürliche Weise höchstens 120 Sekunden. Geben wir Holz zum Feuer, halten wir die Emotion aufrecht. Das heißt aber nicht, dass wir 120 Sekunden traurig sind und dann ist alles wieder gut. Das kann heißen, dass wir den ganzen Tag über immer wieder traurig sind. Sag dir in solchen Phasen ganz liebevoll: „es ist okay, ich darf auch mal alles doof finden.“ Verurteile dich nicht dafür und vermeide Gedanken wie: „oh man, jetzt bin ich schon wieder niedergeschlagen.“ Dein Weg ist manchmal schwer! Das ist okay! Du darfst das blöd finden! Lass es zu!

Aktiv arbeiten gegen dein schlechtes Gewissen: eine „I-did-it“-Liste erstellen. Schreibe dir wirklich täglich auf, was du geschafft hast. Da sollen auch wirklich vermeintliche „Kleinigkeiten“ rein wie Wäschewaschen, Müll rausbringen, sich an den Schreibtisch gesetzt. Wir haben uns eine verzerrte negative Wahrnehmung antrainiert. Diese kannst du wieder justieren, indem du deinen Fokus darauf legst, wie produktiv du tatsächlich bist. Und das bist du! Selbst, wenn du es nicht glaubst. „Mein Lieblingsessen gekocht, weil ich traurig war und mich damit trösten wollte“, ist auch produktiv! In unserer Gesellschaft verknüpfen wir Produktivität leider nur mit Arbeitsleistung. Aber Selbstverwirklichung, Haushalt, Sozialkontakt usw. gehört auch zur Produktivität. Und sich allein an den Schreibtisch zu setzten, ist eine große Überwindung. Schließlich hast du die Freiheit es nicht zu tun. Aber du machst es. Notiere dir am Tag wirklich alles, worauf du stolz sein kannst. Dabei darfst du auch aktiv daran arbeiten, auf Tätigkeiten stolz zu sein, die du sonst nicht würdigen würdest.

Betrachte jeden den Tag einzeln. Bleibe im Hier und Jetzt. Die Masse an Stoff und die kurze Zeit bzw. lange Zeit der Anstrengung kann uns schnell erschlagen. Lege deinen Fokus auf den aktuellen Moment. Sehe was du heute machst und schaffst. Denke nicht daran, was du noch nicht gemacht hast, sondern, dass du jeden Tag kleine Schritte in die richtige Richtung machst.

Zum Schluss Anregungen von mir:

Du lässt deine aktuellen Emotionen zu. Es ist okay, wenn heute alles doof ist und du dir Gedanken machst, wie du voran kommen sollst. Heute ist dein mental breakdown Tag. Heute machst du nichts produktives mehr. Vielleicht auch die nächste Woche nicht. Das ist okay! Gib dir Zeit deine Gedanken zu sortieren.

Dann überlege dir wie du die oben genannten Tipps umsetzen kannst. Welchen Rhythmus möchtest du dir zulegen? Woran liegt es, dass du dich nicht an den Schreibtisch setzt? Wie kannst du dem entgegenwirken?

Sorge aktiv dafür, dass du jeden Tag positive Emotionen fühlst!

Du schaffst das! Ich glaube an dich. Ja, ich kenne dich nicht, lieber Leser, liebe Leserin. Aber das brauche ich nicht. Ich weiß, dass du ein wundervoller wertvoller Mensch bist. Du bist es wert, dass du gut zu dir selbst bist. Du wirst es schaffen! Ich und mein Blog sind bei dir und ich hoffe natürlich, dass er dich in dieser schwierigen Phase positiv begleiten wird.

Deine Jenni

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