Als introvertierte Person ist es in einer belebten Gesellschaft nicht immer leicht. Ein Studium kann von Menschenmengen, in der Bahn, der Bibliothek oder der Vorlesung, geprägt sein oder von viele sozialen Interaktionen. Ähnliches gilt auch für die Schule oder das Arbeitsleben. Auch der Druck dazuzugehören, kann dazu führen, dass man seinen Energiehaushalt nicht mehr im Gleichgewicht halten kann, da die extrovertierten Kommilitonen/Kollegin nach einem vollen Studien- oder Arbeitstag noch „Trinken“ oder „Feiern gehen“ möchten.
Ich selbst bin sehr introvertiert und habe einige Zeit gebraucht, um eine gute Balance im Studienalltag zu finden. Damals kannte ich den Begriff „Introversion“ noch gar nicht. Als ich zum ersten Mal diesen Begriff kennenlernte, hatte ich einen typischen „Aha-„Moment und konnte endlich begreifen, was meinem Energiehaushalt im Weg stand.
Also, was bedeutet denn Introversion?
Wissenschaftlich gesehen beschreibt Introversion ein Persönlichkeitsmerkmal, das auf der Dimension „Extraversion-Introversion“ basiert, die von Carl Gustav Jung eingeführt und später in der Persönlichkeitspsychologie, insbesondere im Fünf-Faktoren-Modell (Big Five), weiterentwickelt wurde.
Introvertierte Menschen neigen dazu, Energie aus inneren Quellen zu schöpfen und bevorzugen oft Aktivitäten, die Reflexion, Konzentration und weniger soziale Interaktion erfordern.
Studien zeigen, dass Introversion mit einer höheren Grundaktivität im zentralen Nervensystem verbunden ist. Das bedeutet, dass introvertierte Personen sensibler auf Reize reagieren und daher oft nach Ruhe und Rückzug suchen, um Überstimulation zu vermeiden.
Introvertierte bevorzugen meist tiefere, bedeutungsvolle Gespräche gegenüber Smalltalk und sind in sozialen Situationen oft zurückhaltender. Sie sind reflektierend, planend und genießen allein verbrachte Zeit, um ihre kognitiven und emotionalen Ressourcen wiederherzustellen.
Sie neigen dazu, gründlich über Entscheidungen nachzudenken und haben eine starke Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Problemanalyse.
Dann bin ich schüchtern?
Ganz wichtig: Introversion bedeutet nicht Schüchternheit! Schüchterne Personen möchten oft sozial interagieren, fühlen sich jedoch durch Ängste oder Unsicherheit gehemmt. Introvertierte ziehen es vor, weniger, aber tiefere soziale Interaktionen zu haben, sind jedoch nicht notwendigerweise ängstlich. Sie haben keine Angst vor sozialen Interaktionen, empfinden sie aber oft als energieraubend.
Ich kann mir gut vorstellen, dass eine introvertierte Person sich selbst für schüchtern halten kann, obwohl sie es nicht ist. Abgesehen von der Gesellschaft, die einem diese Eigenschaft oft auferlegt (weshalb ich selbst lange dachte schüchtern zu sein), machen sich Introvertierte manchmal den Druck sozial zu interagieren. Das kann für den Introvertierten sicherlich selbst so wirken, dass er/sie sozial interagieren möchte, aber sich nicht traut. Tatsächlich ist es jedoch der gesellschaftliche Druck, der dazu führt, dass dieser Gedanke aufkommt („die anderen werden denken, ich bin unsozial“). Das bedeutet, wenn der/die Introvertierte frei von Druck wäre (zum Beispiel Zeit mit einer Person verbringt, die das Verhalten nicht als unsozial verstehen würde und die introvertierte Person davon weiß), würde sie in dem Moment die soziale Interaktion nicht wollen. Wäre also somit nicht schüchtern. Gleiches gilt für den Fall, dass die introvertierte Person glaubt schüchtern zu sein, weil sie sich vor sozialer Interaktion fürchtet, diese Angst aber nicht die Angst vor der Interaktion selbst darstellt, sondern die Angst vor dem starken Energieabfall infolge der Introversion.
Merke: Schüchtern können sowohl Introvertierte, als auch Extrovertierte sein. Aber Introvertierte sind nicht gleich schüchtern.
Tipp Nr. 1: Plane gezielte Ruhezeiten ein
Der Studienalltag kann hektisch sein, mit ständigen Vorlesungen, Seminaren und sozialen Begegnungen. Als introvertierte Person ist es wichtig, dir bewusste Pausen zu nehmen, um deine Energie wieder aufzuladen.
- Blockiere dir feste Zeiten im Kalender für ruhige Momente. Nutze diese Zeit, um allein zu sein, ein Buch zu lesen oder einfach nur zu entspannen.
- Finde einen Ort, an dem du dich immer zurückziehen kannst. Sei es auch mal die Toilette, auf welcher du bewusste eine Atemübung machst. Im Idealfall findest du einen stillen Ort, an welchem du eine Pause einlegen kannst ohne gestört zu werden.
Tipp 2: Lernort richtig wählen
Für mich war es immer undenkbar in der Bibliothek zu lernen, da mich allein die Anwesenheit der anderen Studierenden gestresst hat (ja, SO introvertiert bin ich). Falls es dir auch so geht – keine Sorge, du bist nicht allein. Wobei die meisten Introvertierte wohl damit keine Probleme haben, da sie keine direkte soziale Interaktion befürchten müssen. Für stark introvertierte Personen wie mich (vielleicht auch schon ein Thema der Hochsensibilität), kann allein die Anwesenheit von (selbst leisen) Personen anstrengend sein.
Auch das Lernen in belebten Cafés kann für Introvertierte besonders energieraubend sein. Finde stattdessen einen Ort, an dem du dich wohl und konzentriert fühlen kannst.
- Noise-Cancelling-Kopfhörer: Wenn du in einer lauteren Umgebung lernen musst, können Kopfhörer mit geräuschunterdrückender Funktion Wunder wirken.
Tipp 3: Kommuniziere deine Bedürfnisse
Oft wollen Kommilitonen mit dir lernen – was ja auch eine tolle Sache ist (hey, du wirst geschätzt!). Aber für viele Introvertierte kann das belastend sein, vor allem, da die meisten natürlich dazugehören möchten. Ich selbst kann mich super konzentrieren, wenn ich den ganzen Tag alleine bin, sobald eine Person mit mir lernen möchte, wird es sehr schwierig.
Erkläre deinen guten Kommilitonen, dass du introvertiert bist. Das wird sicherlich nicht jeder verstehen. Aber möchtest du wirklich mit jemanden Zeit verbringen, der dich nicht so schätzt wie du wirklich bist?
Ich weiß, leichter gesagt, als getan. Vor allem, wenn man zu Beginn des Studiums oder der Ausbildung noch niemanden kennt. Ich werde hier nicht mit dem Finger auf dich Zeigen, denn noch heute habe ich Momente, in welchen ich mich nicht traue meine Bedürfnisse zu kommunizieren, wenn ich neu bin.
Als Alternative kannst du vereinbaren nur gelegentlich zum Lernen mitzukommen. Die Hemmschwelle ist hier niedriger, um zu kommunizieren, dass du alleine besser lernst, da du beispielsweise einmal die Woche für eine Stunde mitkommst. Reflektiere hier wie du diese Zeit am Besten für dich nutzen kannst. Ich persönlich lerne sehr gut, wenn ich jemanden etwas erkläre. Du kannst also sozusagen „vorlernen“ und das gemeinsame Lernen dafür nutzen, um zu wiederholen bzw. zu prüfen, ob das Gelernte sitzt.
Oder du kommunizierst, dass du gerne immer alleine lernen möchtest, aber gerne zur gemeinsamen Mittagspause mitkommst.
Versuche herauszufinden was dein Energiehaushalt zulässt.
Tipp 4: Selbstmitgefühl
Das, was dir nachhaltig helfen wird, ist Selbstmitgefühl.
Selbstmitgefühl bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst in schwierigen Situationen, bei Fehlern oder Misserfolgen mit der gleichen Fürsorge, Freundlichkeit und Akzeptanz zu begegnen, wie man sie einem guten Freund entgegenbringen würde.
- Sage dir, dass es okay ist kein „aufregendes“ Leben zu führen wie es in jungen Jahren als Idealbild existiert (mein Oma-Leben, wie ich und einer meiner introvertierten Freundinnen es gerne nennen, finde ich übrigens wirklich toll).
- Schreibe dir deine Stärken, die durch die Introversion resultieren, auf (eine kleine Liste findest du unten).
Übe dich darin, dich so zu akzeptieren wie du bist. Das führt dazu, dass du deinen Tag so gestaltest, wie es für dich als introvertierte Person am Besten ist. Es wird Kommilitonen, Mitschüler oder Kollegen geben, die dir das Gefühl geben werden, dass du dich ändern müsstest. Aber es wird auch Menschen geben, die dich in deiner Introversion unterstützen.
Ich selbst habe extrovertierte Freundinnen. Als ich einmal einen Tag mit zwei von ihnen verbracht habe (die beiden haben wirklich sehr viel extrovertierte Power :D), sagte eine dieser Freundinnen zu der anderen: „Wir lassen sie mal kurz etwas Pause von uns machen“. Ich fand das sehr amüsant, aber im Nachhinein wirklich rührend, da sie mein Bedürfnis in diesem Moment erkannt hat, es ernst genommen hat und zu keiner Sekunde verurteilt hat. Warum schreibe ich das hier? Um dir Mut zu geben „Nein“ zu sagen, wenn du das in dem Moment brauchst und es zu riskieren jemanden in deinem Leben zu verlieren, der dich nicht verdient hat. Denn auf Dauer wollen wir Menschen um uns haben, die uns so lieben wie wir sind.
Die Liste von typischen Stärken introvertierter Personen:
Hier ist eine Liste von Stärken introvertierter Personen, die du eventuell als Ergänzung zu deinem Beitrag verwenden kannst, um die positiven Aspekte von Introversion hervorzuheben:
Stärken introvertierter Personen
- Tiefgründige Reflexion
- Gute Zuhörer
- Starke Beobachtungsgabe
- Fokus und Konzentration
- Kreativität und Innovation
- Emotionale Selbstregulation
- Tiefe Beziehungen
- Unabhängigkeit
- Empathie und Sensibilität
- Analytisches Denken
- Geduld
- Selbstdisziplin
- Unaufdringlichkeit
In dem Buch „Leise Menschen – starke Worte: Das Kommunikationstraining für introvertierte Persönlichkeiten“ von Sylvia Löhken findest du eine tolle Gegenüberstellung von Introvertierten Stärken und Extrovertierten Stärken. Hier sieht man hervorragend, dass weder das eine, noch das andere besser ist. Es braucht introvertierte und extrovertierte Menschen auf der Welt – jeder hat andere Stärken, die sich wundervoll ergänzen 🙂
